![]()
BURKINA FASO:
Thomas Sankara (1949-1987)
Die
linken und sozialistischen Revolutionäre aller Welt gedenken
dieser Tage Che Guevaras, der vor dreißig Jahren ermordet wurde.
Nur wenig Beachtung außerhalb Westafrikas erhält dagegen der
vor zehn Jahren, am 15. Oktober 1987 ermordete Thomas Sankara,
Präsident von Burkina Faso.
Eine Woche vor seiner Ermordung sprach
Sankara auf einer Gedenkveranstaltung für Che Guevara in
Ouagadougou. Für die Jugend Westafrikas ist er heute der Che
Schwarzafrikas.
Von Thies Gleiss
Sankara wurde von einer Gruppe Offiziere ermordet, unter der Führung seines eigenen Halbbruders, dem bis heute amtierenden Präsidenten von Burkina Faso, Blaise Compaoré, mit denen er vier Jahre zuvor selbst die Macht militärisch übernommen hatte und mit denen er seitdem ein vielbeachtetes Projekt der planwirtschaftlichen und sozialistischen Entwicklung in einem der ärmsten Länder der Welt versuchte. Wer war Thomas Sankara? In einem Interview, das in dem empfehlenswerten Buch von Jean Ziegler "Burkina Faso, eine neue Hoffnung für Afrika", rotpunktverlag, Zürich 1987, abgedruckt ist, sagt er über sich selbst:
"Nehmen sie meinen Fall: Von 1000 Kindern, die im gleichen Jahr wie ich geboren wurden, ist die Hälfte in den ersten drei Lebensmonaten gestorben. Ich hatte das unverschämte Glück davonzukommen. Ich hatte auch das Glück, in der Folge nicht Opfer einer jener Krankheiten zu werden, die wir hier in Afrika kennen und die die Menschen aus meinem Jahrgang weiter dezimiert hat. Ich gehöre zu jenen 16 Kindern von 100, die zur Schule gehen konnten. Das war eine weitere unerhörte Chance. Ich gehörte zu jenen 18 von 100 Eingeschulten, die bis zur mittleren Reife kamen, und zu jenen 300 Jugendlichen im ganzen Land, die ins Ausland gehen und ihre Ausbildung vervollständigen und bei der Rückkehr sicher sein konnten, einen Arbeitsplatz zu finden. Ich gehörte zu den zwei auf 100 Soldaten, die in sozialer Hinsicht einen stabilen und gut bezahlten Platz haben . Wir sind es, die in der Stadt leben, die den Ton angeben, die der Weltöffentlichkeit erklären, was hier geht, was nicht geht und wie man die Situation hier einzuschätzen hat. Wir sind es, die von Menschenrechten sprechen, von der sinkenden Kaufkraft, vom Klima des Terrors. Wir vergessen dabei, daß wir Tausende von Kindern zum Tode verurteilt haben, weil wir nicht akzeptierten, daß unsere Gehälter auch nur ein kleines bißchen gesenkt werden sollten, um so eine kleine Gesundheitsstation zu finanzieren. Und wir haben die Weltöffentlichkeit nicht aufgerüttelt angesichts des Skandals, den diese Toten darstellen. Wir tragen unsern Teil bei zur internationalen Komplizenschaft des guten Gewissens. 'Ich vergebe dir deine Fehler, du vergibst mir die meinen. Ich schweige zu deinen schmutzigen Geschäften, du schweigst zu meinen Untaten, und wir beide gehören zu den sauberen Leuten."
Das ist wirklich das gentlemen agreement des guten Gewissens.
" PERSPEKTIVEN EINER WIRKLICHEN BEFREIUNG
Thomas Sankara hatte natürlich Kontakt zu verschiedenen kleinen linken Gruppen. Wie überall im neokolonialen Afrika diskutierten in den 70er Jahren trotzkistische, maoistische, pro-moskau-orientierte Gruppen und im Ausland ausgebildete junge Intellektuelle auch im damaligen Obervolta die Perspektiven einer wirklichen Befreiung von den kolonialen Zwängen und von den neokolonialen Regimen, die weit entfernt von früherer national-emanzipatorischer und antiimperialistischer Rhetorik nur noch korrupt, gewalttätig und machtbesessen die knapper werdenden nationalen Ressourcen verpraßten. 1983 beteiligte sich der junge Offizier Sankara als Ministerpräsident an der Regierung, die nach einem Militärputsch unter Jean Baptiste Ouedraogo eingesetzt wurde. Er reiste in dieser Eigenschaft zu internationalen Treffen, traf auf dem Gipfel der blockfreien Staaten mit Fidel Castro zusammen und erzielt mit antiimperialistischen Reden viel Aufsehen. Nach einem persönlichen Treffen mit Castro, dem damaligen Vorsitzenden der Bewegung der Blockfreien, zeigt sich eine weitere Radikalisierung im Auftreten Sankaras. Er wird nach der Rückkehr auf Treiben der französischen "Berater" in Obervolta verhaftet, jedoch im Juni von einer Gruppe Fallschirmjäger unter dem Kommando von Blaise Compaoré befreit. Die siegreichen Militärs gründen einen Nationalen Revolutionsrat und Thomas Sankara wird Präsident des wenig später in Demokratische Republik Burkina Faso ("Land der Unbestechlichen") umbenannten Landes. Die Militärführung verkündet eine Revolution, über deren Perspektiven Sankara 1983 sagt:
"Unsere Revolution ist eine Revolution, die sich in einem bäuerlichen und rückständigen Land abspielt, in dem die Traditionen und eine auf der feudalen Gesellschaftsordnung basierende Ideologie schwer auf den Volksmassen lasten. Es ist eine Revolution in einem Land, welches von kolonialen Verhältnissen zu neokolonialen übergegangen ist. Unsere Revolution spielt sich in einem Land ab, in dem es keine Arbeiterklasse gibt, die sich ihrer historischen Mission bewußt und entsprechend organisiert ist. Es ist eine Revolution, die sich in einem kleinen Land des Kontinents in einem Augenblick abwickelt, wo auf internationaler Ebene die revolutionäre Bewegung von Tag zu Tag mehr zerbröckelt, ohne sichtbare Hoffnung auf die Bildung eines homogenen Blocks, der die jungen revolutionären Bewegungen ermutigen und unterstützen könnte."
In der Tat, Burkina Faso ist ein Land mit sieben Millionen Einwohnern, das bisher fast ausschließlich als billiges Arbeitskräftereservoir für die umliegende Region diente. Es ist ein Binnenland und im Einzugsbereich der sich ständig ausbreitenden Wüste. 95 Prozent der Bevölkerung leben überwiegend in Subsistenzwirtschaft auf dem Land. Die Analphabetenrate liegt bei 80 Prozent und die durchschnittliche Lebenserwartung bei gerade mal vierzig Jahren. Ein Großteil der städtischen Arbeiterklasse ist im öffentlichen Sektor beschäftigt, der Rest in der Leichtindustrie und in Handwerksbetrieben. Dennoch ist der Lebensstandard in den Städten unvergleichlich höher als auf dem Land. Vom Staatshaushalt 1983 in Höhe von 58 Milliarden CFA-Franc [100 CFA-Franc = 1 franz. Franc = 0,30 DM] werden zwölf Milliarden für den Schuldendienst und weitere dreißig Milliarden für den öffentlichen Sektor in den Städten verbraucht. In den Städten gibt es für afrikanische Verhältnisse sehr starke Gewerkschaften, die alle vorhergehenden Regierungen mit Streiks und Protestkundgebungen in die Knie gezwungen hatten. Eine sozialistische Revolution gegen die Gewerkschaften, mittels Lohnsenkungen in den Städten und bei völliger Abhängigkeit vom Ausland - wie soll das funktionieren? Es ehrt Thomas Sankara als wirklichen Revolutionär, daß er es gewagt hat. Viel mehr als Mut, Begeisterung und sich selbst als vorangehendes Beispiel konnte er dabei nicht einbringen. Ein Wahnsinn?
"Gewiß", sagt Sankara, "man führt nicht grundlegende Veränderungen durch ohne ein Minimum an Wahnsinn. In diesem Fall wird dies zu Nonkonformismus, zum Mut, den bekannten Formeln den Rücken zu kehren, die Zukunft zu erfinden. Vor allem brauchte es die Verrückten von gestern, damit wir uns heute so außerordentlich klarsichtig verhalten können. Ich möchte zu dieser Sorte von Verrückten gehören."
"MAN MUSS AUF STEINIGEM BODEN SÄEN"
Die Revolution in Burkina Faso war von Anfang an ein Produkt von oben. Kein schlechtes Produkt, aber in Maße, wie es nicht gelang, die Massen wirklich zu mobilisieren und zu organisieren, mußte sie an ihren objektiven und inneren Schwierigkeiten kaputt gehen. Zur Verbreiterung der Revolution wurden - wie in einigen anderen Ländern auch - Komitees zur Verteidigung der Revolution aufgebaut. Nur zufällig und manchmal wurden daraus echte Massenorgane, die eine demokratische Kultur der Selbstverwaltung gebären konnten. Meistens blieben sie formale Hülsen und Steigbügel für Karrieristen und Opportunisten, die sich darin relativ problemlos gegen Konkurrenten erwehren konnten, indem sie zu Denunziation und Disziplinierung mißbraucht wurden. Auf dem Land wurden durch sie die alten hierarchischen und vor allem patriarchalen Strukturen angegriffen. Die Chiefs wurden verjagt und der Boden und die Bodenschätze wurden im August 1984 nationalisiert. Aber nur in wenigen Regionen war die Bevölkerung in der Lage, dauerhaft Selbstverwaltungsstrukturen aufrechtzuerhalten. Die Frauen sollten per Gesetz einen eigenständigen, vom Mann unabhängigen Grundlohn erhalten. Dazu sagte Sankara:
"Als wir, in kleinem Kreis, mit einigen Genossen diese Maßnahmen diskutierten, haben sie mich vor allem auf die Anpassungsschwierigkeiten aufmerksam gemacht. Ihrer Meinung nach wäre es besser gewesen, abzuwarten und geeignete Lösungen zu finden, abzuwarten, bis die Gemüter reif seien. Aber die Gemüter sind nie reif. Sie werden es niemals sein. Es gibt keine Entscheidungen in der Welt, die völlig perfekt sind. Die Gemüter sind bereit, Sie können säen? Nein, man muß auf steinigem Boden säen, man muß der Erde Gewalt antun, damit etwas wächst. Wir haben also einen Beschluß gefaßt, und ich habe ihn öffentlich verkündet, damit er nicht rückgängig gemacht werden wird. Und jetzt sage ich: Geht, sucht Lösungen! Denn es ist moralisch unakzeptabel, die Frau in dieser absoluten Mittellosigkeit zu lassen."
Eine
Erziehungsrevolution von oben konnte kaum gutgehen. Die
mechanische Anprangerung der städtischen Bevölkerung als
Privilegierte, die auf Einkommen und Vorteile verzichten
müßten, um die ungerechte Ungleichverteilung im Lande
aufzuheben, führte fast zwangsläufig zu Widerstandsformen, zu
Streiks und Dissonanzen in der Verwaltung. Zusätzlich wurde die
alte Armee nicht aufgelöst, sondern mit 6000 Bewaffneten
beibehalten, die ebenfalls auf nichts verzichten wollten. Ein
solcher holpriger und mit Widerspruch gespickter Weg erwartet
wohl jede Revolution. Die Revolutionsführung von Thomas Sankara
hat es aber versäumt, wirkliche Massenmobilisierungen und
-beteiligung zu organisieren, die in der Summe von Diskussion und
Interessensausgleich eine breit akzeptierte Politik möglich
macht und Widerstand demokratisch ausräumt.
Die
Regierung unter Sankara hat alle internationalen Verträge und
Mitgliedschaften unverändert gelassen. Aber nur
antiimperialistische Rhetorik allein greift die strukturelle
Abhängigkeit von Frankreich nicht an und öffnet statt dessen
die Tore, daß sich diese Abhängigkeit auch bis in den höchsten
Führungszirkel reinfressen kann, in dem dann die Enge zur alten
Kolonialmacht zum wichtigsten Differenzierungsmerkmal in den
Meinungen der Führer wird. Über die Meinungsverschiedenheiten
in der Führung wurde in der Öffentlichkeit nicht informiert und
gestritten. So war es möglich, daß ein interner Gewaltakt, ein
Brudermord im wahrsten Wortsinn, die revolutionäre Dynamik fast
über Nacht beenden konnte.
Thomas Sankara bleibt in den Köpfen der Menschen, vor allem der Jugend Westafrikas dennoch als leidenschaftlicher und aufrichtiger Revolutionär präsent. Er ist heute, nach zehn Jahren, der Che Schwarzafrikas. An seinem Mut, an seiner "Verrücktheit" werden kommende Generationen von Revolutionären gemessen werden. Burkina Faso gehört zu den ärmsten Staaten des Schwarzen Kontinents und hat knapp zehn Millionen Einwohner. 1960 von den französischen Kolonialherren in die Unabhängigkeit entlassen, wurde das westafrikanische Land direkt und indirekt immer von Militärs regiert. Sie saßen am langen Hebel der Macht und setzen rücksichtslos Stammes-Interessen durch. Unterstützung bei weiten Teilen der Bevölkerung fand lediglich der Staatsstreich des jungen Kapitäns Thomas Sankara, der 1983 mit dem erklärten Ziel die Regierungsgeschäfte übernahm, Korruption und Mißwirtschaft im ehemaligen Obervolta zu beenden. 1984 ließ er das Land umbenennen. Der neue Name Burkina Faso - Land der aufrechten Menschen - sollte Programm sein, Gesellschafts-Programm einer neuen Epoche. Doch die moralische Aufrüstung war von kurzer Dauer. Sankara wurde 1987 ermordet. Drahtzieher des Verbrechens: der heutige Staatspräsident Blaise Campaoré. Erst auf Betreiben der internationalen Öffentlichkeit und nicht zuletzt auch der katholischen Kirche des Landes wurde eine neue Verfassung für Burkina Faso erarbeitet und im Juni 1991 per Referendum von der überwältigenden Mehrheit der stimmberechtigten Bürger gebilligt. Seitdem gilt in Burkina Faso das Mehrparteiensystem. Das Land, dessen gesamter nördlicher Teil in der Sahelzone liegt, wurde wiederholt von schweren Dürrekatastrophen heimgesucht. Fast 90 Prozent der Bevölkerung leben von den Erträgen einer prekären Landwirtschaft. Lediglich 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen Burkina Fasos besuchen eine Schule. Das monatliche Durchschnittseinkommen einer Familie beträgt derzeit nicht mehr als umgerechnet 40 Mark.
Die katholische Kirche Burkina Fasos hat Minderheiten-Status. Neben den Anhängern der traditionsreichen animistischen Religionen (70 %) und des Islams (20 %) bekennen sich nur rund 10 Prozent der Bevölkerung zum christlichen Glauben. Doch in ihrer fast hundertjährigen Geschichte ist die Kirche zum wichtigsten Hoffnungsträger für die Menschen des Landes geworden. Keine andere gesellschaftliche Gruppierung hat im strukturschwachen Burkina Faso soviel für Gesundheit, Erziehung und Landwirtschaft getan wie die Kirche. Vor allem bei der Versorgung der ländlichen Bevölkerung mit Trinkwasser sowie bei der Rückgewinnung von Erosionsböden für den Ackerbau ist die Kirche federführend. Ihre Zusammenarbeit mit den Vertretern der animistischen Religionen und des Islam ist beispielhaft in ganz Schwarzafrika. Seit den 70er Jahren galt für die tiefgreifenden Gemeindereformen in den neun Diözesen des Landes das Motto "Kirche als Familie": In Basisgemeinschaften sollen sich die Katholiken gegenseitig im Glauben bestärken und sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewußt werden. "Kirche als Familie Gottes", so rief Papst Johannes Paul II. bei seinem Besuch 1990 den Katholiken zu, "das ist eine Orientierung, die euren tiefsten Wünschen entspricht. Denkt weiter über die Werte einer Kirche als Familie nach und baut auch weiter daran!" Neben den über 4000 Katechisten und 450 Priestern sind es vor allem die fast 700 Ordensfrauen des Landes, die den "Familiengeist" in der Kirche Burkina Fasos pflegen. Mit welchen Schwierigkeiten dies aber besonders in den ländlichen Regionen vebunden ist, hat die einheimische Schwesterngemeinschaft "Unsere Liebe Frau vom See" in den vergangenen Jahren immer wieder erfahren müssen. In der großen Pfarrei Baam, im östlichen Teil des Bistums Ouahigouya hoch oben im Norden Burkina Fasos, sind sie verantwortlich für die gesamte Frauenseelsorge, für die Alphabetisierung von Jugendlichen und Erwachsenen sowie für die Organisation der Katechese in 60 Dörfern. "Unser größtes Handikap", schreibt Schwester Andrea Sawadogo in einem Brief an die Freunde in Bayern, "sind dabei die großen Entfernungen zwischen den Siedlungen." Dem soll nun abgeholfen werden. Mit Unterstützung des Missionszirkels im Regensburger Priesterseminar sollen die Schwestern von Baam künftig in der Lage sein, ihre Solidarität auf Rädern in die abgelegenen Ortschaften zu tragen. Fünf Mofas möchten die Helfer aus Regensburg den Ordensfrauen für ihren aufopfernden Dienst zur Verfügung stellen. Kostenpunkt: 7325 Mark. Allen Leserinnen und Lesern des Regensburger Bistumsblatts, die dazu beigetragen haben, daß die Entfernungen im Norden Burkina Fasos demnächst schneller überbrückt werden können, sei hier ein herzliches Vergelt's Gott gesagt.
Burkina Faso muß als Reiseziel erst noch entdeckt werden Auch spät in der Nacht ist es noch heiß in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso. Unablässig rinnt der Schweiß, die Luft ist trocken und staubig, es riecht nach Benzin. Das Land ist nicht größer als die ehemalige Bundesrepublik Deutschland. Was weiß die Welt schon von Burkina Faso? Eben nur allzu selten taucht der kleine afrikanische Staat, auf dessen Gebiet eines der ältesten Königreiche des Kontinents wurzelt, in den Schlagzeilen der Weltpresse auf. Wer war je in dieser Stadt und warum bloß? Im Landeanflug sahen wir rotbraune Häuser mit flachen Dächern, Straßen, die im rechten Winkel aufeinanderzulaufen, rundherum rotbraune Erde. Alles ist rotbraun in Ouagadougou. Auf den ersten Blick ist hier nichts anders als in anderen Städten Afrikas, deren Geheimnis sich verliert, sobald man sie betreten hat. Und nichts bleibt auch hier neben der Banalität der Gegenwart: Hotels, Bürogebäude, Restaurants und Bars. Der Lärm von Fahrradklingeln und Motorradhupen. Breite Straßen, Menschen in ständiger Bewegung. Doch kaum angekommen, stellt man fest: Ouagadougou entwickelt einen seltsamen Sog. Es ist eine Stadt wie auf dem Sprung.
Im Dezember 1996 fand hier nach umfangreichen Bau- und Renovierungsarbeiten das 19. Gipfeltreffen der frankophonen Staatschefs statt. Das Tagungsmotto lautete »Gute Führung und Entwicklung«. Unterdessen hat Ouagadougou den Ehrgeiz entwickelt, westafrikanische Kongreßmetropole zu werden. Auch die einheimische Hotellerie ließ sich durch diese Aussicht stimulieren. Denis Bi Zoungrana, stellvertretender Direktor des Sofitel Silmandé, des einzigen Luxushotels im ganzen Land, enthüllte den Plan seiner Gesellschaft, im Garten ein Konferenzzentrum zu errichten, das bis zu 2000 Tagungsteilnehmern Platz bieten soll. Allerdings wird dafür noch ein Geldgeber gesucht. Auch im Tourismus will sich Sofitel engagieren, draußen im Lande an der Renovierung und Vergrößerung bestehender Kapazitäten mitwirken und eventuell auch Management-Aufgaben übernehmen. Bislang ist die Hotellerie im Lande eher überschaubar. Denis Bi Zoungrana schätzt, daß es außerhalb der Hauptstadt nicht mehr als zwei Dutzend Gasthäuser gibt. Keines verfüge über mehr als 20 Zimmer.
Die Burkinabé sind begeisterte Fußballer. Bei der Afrika-Meisterschaft, die im Februar dieses Jahres stattfand, belegte Gastgeber Burkina Faso vor heimischem Publikum den vierten Platz. Das Staatsgebiet von Burkina Faso im Herzen Westafrikas umfaßt ungefähr die Fläche der ehemaligen Bundesrepublik Deutschland. Damit gehört das ehemalige Obervolta zu den Kleinen in Afrika. Draußen in der Welt weiß man wenig über Burkina Faso. Doch im Februar machte das Land neuerlich auf sich aufmerksam, als hier die Afrika-Meisterschaft ausgetragen wurde, das wichtigste Fußballereignis auf dem Kontinent. Die Mannschaft von Burkina Faso, im Vorjahr unspektakulär und klaglos bei der Qualifikation zur Weltmeisterschaft ausgeschieden, belegte vor eigenem Publikum immerhin den vierten Platz.
Die Geschichte des Königreichs reicht weit zurück in die Vergangenheit Längst verweht im unablässig wirbelnden Sand und Staub, der aus der nahen Sahara bis über die Dächer von Ouagadougou getragen wird, ist indessen der einstige Ruhm des Landes. Weit reicht die Geschichte zurück. Eines der ältesten Königreiche des Kontinents wurzelt hier. Im 15. Jahrhundert eroberten die Mossi, die ursprünglich aus dem Haussaland und dem Norden Kameruns stammten, das Flußgebiet des Weißen Volta. Wogodogo, heute Ouagadougou, wurde zum Zentrum ihrer Macht. Die Mossi haben sehr klare Vorstellungen über den ewigen Lauf der Dinge. Sie unterscheiden Menschen der Macht, der Kraft und der Erde, wobei sie selbst sich als Menschen der Macht verstehen. Der Anspruch der Mossi wird durch den Gott Wende legitimiert. Er soll Wedraogo, dem ersten Naaba der Mossi, ihrem ersten Führer also, das Naam verliehen haben: göttliche Kraft, die es möglich macht, über andere zu herrschen. Klar strukturierte Hierarchien tragen den Staat nach Jahrzehnten der Unruhe auch heute wieder. Nach der Unabhängigkeit von den Franzosen die französische Kolonialzeit dauerte vom Ende des vorigen Jahrhunderts bis 1960 wechselten sich zivile und militärische Regierungen in rascher Folge ab, bis schließlich der junge Hauptmann Thomas Sankara 1983 die Macht übernahm. Er gab dem Land ein Motto (»Vaterland oder Tod wir werden siegen«) und einen neuen Namen. Das Kunstwort Burkina Faso, eine Fügung aus Wörtern der Mossi und der Dioula, die im Süden siedeln, bedeutet »Land der Aufrechten«. Und Sankara gab den Burkinabé, wie sich die Bewohner des Landes seitdem nennen, ein neues Selbstbewußtsein. Die Phase des Aufschwungs endete vor elf Jahren mit einem neuerlichen Putsch. Dabei wurde Thomas Sankara von Schergen seines ehemaligen Mitstreiters Blaise Compaoré ermordet. Compaoré, ein geschickter Taktierer, ist heute im In- und Ausland als Staatspräsident unumstritten. Erst kürzlich hat er Sankaras Landeslosung in den freundlicher klingenden Dreiklang »EinheitFortschrittGerechtigkeit« umwandeln lassen.
Heute gilt Burkina Faso vor allem bei Europäern als »sexy«. So formuliert es forsch ein junger Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Ouagadougou. In vorauseilendem Gehorsam seien die Einheimischen bemüht, Initiativen, die von außen ins Land getragen werden, umzusetzen. Das habe sie vor allem im Westen beliebt gemacht. Die Millionen, die in die Entwicklung des Landes flossen, scheinen gut investiert. Hinter Frankreich steht heute Deutschland als Geldgeber an zweiter Stelle, 40 zumeist landwirtschaftliche Projekte betreut allein die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). Bei der Baumwollernte wurde 1996 sogar ein Rekordergebnis erzielt. Zwar zählt Burkina Faso immer noch zu den ärmsten Ländern der Welt, doch das Wirtschaftswachstum beträgt schon seit mehreren Jahren durchschnittlich fünf Prozent und liegt damit über der Geburtenrate. Wer über Land fährt, entdeckt wenig eklatante Armut. Es wird nicht gebettelt, die Menschen sind zurückhaltend höflich, und ihre unverkennbare Neugier allem Fremden gegenüber rührt an.
Jetzt will Burkina Faso auch ein Ziel für Touristen werden. Der Anschluß an die Welt ist geschafft. Viermal in der Woche fliegt Air France von Europa nach Ouagadougou, dreimal die belgische Sabena und zweimal Air Afrique, das Gemeinschaftsunternehmen zehn afrikanischer Länder. Es sei kein Problem, nach Ouagadougou zu kommen, sagt François Gorce, Stationsleiter von Air France. Schwierig werde es erst außerhalb der Hauptstadt. Je weiter man ins Landesinnere vordringt, desto lückenhafter wird die Infrastruktur. Es fehlt an Straßen, Hotels, Restaurants. Stößt man dennoch in sengender Hitze irgendwo am Straßenrand auf eine Bude, in der sogar ein Kühlschrank steht, funktioniert dieser in der Regel nicht. Und wenn er funktioniert, ist er meistens leer. Wer in Burkina Faso unterwegs ist, für den wird eine kalte Flasche Coca-Cola zum Glücksversprechen. Dabei ist es schon schwierig genug, die Hauptstadt überhaupt zu verlassen. Für Touristen gibt es kaum Fahrzeuge und nur wenig qualifiziertes Personal. Eine Rundreise entwickelt sich so schnell zur Expedition. Fünf ist mehr die »Espace Entente« lockt nach Westafrika Diese Beobachtung gilt für fast ganz Westafrika. Es macht auch den Reiz des Reisens dort aus. Fünf Länder der Region, die man bislang nicht unbedingt zu Touristenzielen zählte, haben sich jetzt zusammengeschlossen, um als »Espace Entente« Besucher anzulocken: Weniger Bürokratie soll mehr Fremdenverkehr bringen, sagen die Tourismusminister von Burkina Faso, Benin, Togo, der Elfenbeinküste und von Niger. Von August dieses Jahres an soll ein Visum genügen, um alle genannten Länder bereisen zu können. So will man das grenzüberschreitende Reisen in der Region fördern. Dafür wurden außerdem acht sogenannte »Kulturtouristen-Routen« entworfen, die jeweils mindestens zwei Staaten berühren. Reiseangebote machen nicht an der Grenze halt Auch hiesige Veranstalter betrachten grenzüberschreitende Reiseangebote als Chance für Afrikas Westen, der seit jeher Schlußlicht im Tourismus auf dem Kontinent ist. Gerade zehn Prozent der Afrika-Reisenden, die zusammengenommen wiederum nur drei Prozent der Touristen in aller Welt ausmachen 1997 waren es 617 Mill. , sind in Westafrika unterwegs. Im vorigen Jahr wurden in den fünf Ländern der »Espace Entente« nicht mehr als 800 000 Besucher gezählt. Diese Zahl verzeichnete im gleichen Zeitraum der südafrikanische Krüger-Nationalpark für sich allein. Selbst für Afrika-Spezialisten hierzulande ist Westafrika oft noch touristische Terra Incognita. Nur im Verbund sei Burkina Faso attraktiv, sagt Ulla Fischer von Ikarus in Königstein. Für ein einzelnes Land, von dem hierzulande überdies kaum einer je gehört habe, seien die Flugpreise nach Westafrika zu hoch. Liliane Emnet-Propper von Windrose in Berlin sieht eine steigende Nachfrage für Westafrika, gleichfalls aber nur im Ländertrio: Mali, Burkina Faso und Elfenbeinküste. Auch Rainer Lösel von Ivory Tours in Nürnberg, der seit zehn Jahren Erfahrungen mit Westafrika-Reisen sammelt, schwört auf das Erlebnis der Gesamttour, die eine Stippvisite in Ghana einschließt. Auf den eher herben Reiz von Burkina Faso allein möchte er weniger setzen. Eine Neun-Tage-Reise durch den touristisch besonders interessanten und vergleichsweise gut erschlossenen Südwesten des Landes bietet der neue Berliner Reiseveranstalter B & B Westafrika-Spezialist an, der in Zusammenarbeit mit einem französischen Partner Touren in alle Länder der »Espace Entente« organisieren will. Wer freilich auf eigene Faust reisen möchte, ist auf die Angebote einheimischer Agenturen angewiesen. Diese sind vergleichsweise teuer Tagessätze von mehr als 200 DM sind üblich und bieten dafür allenfalls Notwendigstes: Jeep, Zelt, Geschirr und Grundnahrungsmittel. Etwa »La vache qui rit«: Die unverwüstlichen Schmelzkäse-Ecken trotzen allen Widrigkeiten des Reisens. In Burkina Faso wird »die lachende Kuh« zum Begleiter jeder Mahlzeit unterwegs. Und jedesmal wenn man eine neue Packung öffnet, scheint sie ironischer zu grinsen. Das halten nur afrikaerfahrene Individualisten aus. Burkina Faso ist ein Land, das vom Reisenden Geduld verlangt, Ausdauer, den zweiten Blick. Hier begegnet dem Reisenden auf Schritt und Tritt afrikanischer Alltag, wie er schon immer war unspektakulär, selbstgenügsam. Ganze Landstriche und auch die Menschen, die dort leben, wirken, als seien sie gar nicht von dieser Welt.
In den schönsten Momenten strahlt Burkina Faso geradezu kontemplative Ruhe aus. Unter den anderswo üblichen Voraussetzungen der eiligen Freizeitgesellschaft hat das Land indes nicht viel zu bieten. Keinen Strand, keine dramatische Natur, keine Clubdörfer und auch keine Folklore-Abende. Die Reize entfalten sich eher im Stillen, beiderseits zumeist ungeteerter Pisten, die von irgendwo nach nirgendwo zu führen scheinen. Schon eine halbe Autostunde nordöstlich der Hauptstadt, ein paar Kilometer abseits der Straße nach Niger, stößt man auf ein ganz unerwartetes Miteinander von Natur und Mensch. Laongo wird der öde Ort mitten in karger Steppenlandschaft genannt, ein paar Felsen glühen in der Sonne. Sie leuchten so hell, daß man geblendet ist. Beim Näherkommen erkennt man Gesichter, Körper und geometrische Strukturen, die aus den Steinen zu wachsen scheinen. Ein Frauenkopf, ein Krokodil, das Horn eines Rhinozeros. Hier der Torso einer Frau, dort der Schädel eines Rinds. Künstler aus Burkina Faso, aus Mali und von der Elfenbeinküste haben in Laongo immer wieder Steine behauen, um den Stand ihrer Kunst zu zeigen, wie der Wächter lapidar vermerkt, den wir beim Dösen im Schatten eines mächtigen Baums aufgeschreckt haben. Die Künstler werden wiederkommen, sagt er noch, um an ihrem Werk weiterzuarbeiten. Ganz bestimmt. Irgendwann. Vielleicht schon nächstes Jahr.
Eine Reise durch Burkina Faso stimmt philosophisch und ist manchmal auch geradezu belehrend. So macht sie mit den unterschiedlichsten westafrikanischen Landschaftsformen bekannt. Die Route führt von der kargen Dornbusch- und Trockensavanne der Sahelzone, die unmittelbar nördlich von Ouagadougou beginnt, über gelblich verdörrte Gräser und rissige, rote Erde, aus der sich riesige Affenbrotbäume recken, in die sanfte, immergrüne Hügellandschaft des fruchtbaren Südwestens. Hier wähnt man sich unversehens im Mitteleuropa längst vergangener Zeiten. Kühe, Ziegen, Schweine und Perlhühner kreuzen die Straße, so daß sich nahezu biblische Bilder auftun. Wo wir auch anhalten, sind wir sofort von Menschen umringt, die uns scheu mustern. Burkina Faso ist ein heißes Land, staubig und eigentlich immer zu trocken. Wasser bekommt in diesem Klima eine neue Bedeutung, auch für europäische Besucher. Neben den Mossi leben 60 weitere Volksstämme im Lande. Alle haben ihre Traditionen über die Jahrhunderte bewahrt. Nahe der Grenze zu Ghana befinden sich die Dörfer der Kassena: kunstvoll bemalte Lehmgebäude, die zum Teil hundert Jahre alt sind und deren weitläufige Dachterrassen man über afrikanische Leitern (Baumstämme mit Kerben) erreicht. Jede Großfamilie lebt in einem eigenen Komplex ineinander verschachtelter Höfe und fensterloser Gebäude. In jedem von ihnen ragt, einen halben Meter hinter dem offenen, nur hüfthohen Eingang, eine blanke Wand auf. Wer das Haus im Halbdunkel zum ersten Mal betritt, stößt verläßlich dagegen. Das Hindernis hat sich seit jeher als Schutz vor Eindringlingen bewährt. Und während sich der Fremde noch benommen den Kopf hält, bekommt er von den Bewohnern gleich noch einen Schlag mit dem Knüppel übergezogen, erläutert der Hausherr mit unmißverständlicher Gestik. Dann lächelt er uns freundlich an.
Drei Nationalparks gibt es in Burkina Faso. Sie gelten als besonders tierreich. Die Bilanz einer mehrstündigen Pirschfahrt durch den weitläufigen Nazinga-Park im Süden ist jedoch eher dürftig: eine tote Pferde-Antilope, über deren Kadaver die Fliegen surren, ein paar nervöse Paviane und eine kaum noch erkennbare Krokodilspur im Sand. 25 Großtierarten sollen hier zu Hause sein, allein 600 Elefanten. Allerdings werden für den Park auch Jagdlizenzen ausgestellt. Da wundert es nicht, daß die Tiere, die nicht zwischen Jägern mit Gewehr und Besuchern mit Fotoapparat unterscheiden können, lieber in sicherer Deckung bleiben. In den Nazinga-Park sind in der letzten Zeit nur noch selten Gäste gekommen. Die Strohdächer der Chalets sind halb eingestürzt, und Rohrsessel ducken sich verbogen auf der Veranda. An der Rezeption langweilen sich Kellner und Hausmeister. Immerhin, der Kühlschrank brummt. Es gibt sogar kaltes Bier. Ein Meer an Farben, wohin man auch schaut Einige Jeepstunden geht es danach auf holprigen Wegen weiter in den Westen. Dort erheben sich die Familienburgen der Lobi, trutzig und abweisend auch gegenüber den unmittelbaren Nachbarn, stets mindestens einen Pfeilschuß voneinander entfernt. Die Dörfer der Senufo erkennt man an kleinen Rundhäusern mit schmalen Getreidespeichern. Wo die Bobo leben, leuchten die Lehmbauten blutrot aus dem Laub mächtiger Bäume. Und abends, wenn es dunkel wird, beginnt der Horizont vom Widerschein der Holzfeuer vor den Häusern entlang der Straße zu glühen.
Bobo-Dioulasso ist das Industriezentrum und die zweitgrößte Stadt des Landes. Doch die Industrie in Burkina Faso beschränkt sich auf wenige Fabriken, nur ein Fünftel der Burkinabé lebt in den Städten. Sehenswert in Bobo-Dioulasso sind das enge Altstadtviertel und die gewaltige Lehm-Moschee, im sudanischen Stil dem Vorbild in Djenné nachgebaut, dem vielbestaunten Meisterwerk im benachbarten Mali. In dem winzigen Provinzmuseum mitten im Stadtzentrum ist gleich am Eingang ein rotbrauner Lederkoffer ausgestellt. Mit diesem haben Guin Gane und seine Brüder aus Ouagadougou den ersten Preis in einem Lederwaren-Wettbewerb gewonnen. Die Burkinabé gelten als geschickte Kunsthandwerker. Metall, Holz, Lehm und Leder, es gibt kein Material, das sie nicht kunstvoll bearbeiten würden. Vor allem jedoch gibt es einige hübsche Hotels in Bobo-Dioulasso. Die meisten sind unter libanesischer Leitung. Die Libanesen kontrollieren in diesem Teil Westafrikas einen großen Teil des öffentlichen Lebens. Sie führen Gasthäuser und Restaurants, sind Lebensmittelhändler und Bankiers. Im Hotelzimmer in Bobo-Dioulasso funktioniert die Klimaanlage, die Bettwäsche ist blütenweiß, in der Dusche fließt frisches Wasser. Der Begriff Luxus gewinnt in Burkina Faso an diesem Tag eine ganz neue Bedeutung.